Reithelm-Zertifizierung: EN 1384, ASTM und MIPS erklärt
Alle Reithelme sehen ungefähr gleich aus. Die Unterschiede im Schutzniveau können aber entscheidend sein. EN 1384, ASTM F1163, MIPS – die meisten Reiter haben die Kürzel schon gesehen, ohne genau zu wissen, was sie bedeuten. Dieser Artikel erklärt es.
Was ist eine Reithelm-Zertifizierung?
Eine Zertifizierung ist ein geprüftes Testergebnis. Ein unabhängiges Prüfinstitut setzt den Helm kontrollierten Aufprallszenarien aus und misst, wie viel Kraft den Kopf erreicht. Erfüllt der Helm die Anforderungen, darf er mit der Bezeichnung der Norm gekennzeichnet werden.
Nicht der Hersteller entscheidet, ob der Helm zugelassen ist, sondern das Prüflabor. Eine Zertifizierung ist deshalb einer der wenigen objektiven Maßstäbe, die du über Helme und Marken hinweg vergleichen kannst.
EN 1384:2023 – die europäische Norm
EN 1384 ist die maßgebliche Norm für Reithelme in Europa. Die Fassung von 2023 ist die bisher strengste und stellt Anforderungen an:
- Stoßaufnahme bei geraden Stürzen
- Stoßaufnahme bei schrägen Aufprallen
- Durchdringungsfestigkeit der Schale (Spike-Test)
- Festigkeit des Haltesystems und Sicherheit des Verschlusses
- Anforderungen an Belüftung und Tragekomfort
EN 1384:2023 ist mit der EU-PSA-Verordnung (2016/425) harmonisiert. Sie ist damit die von der Europäischen Kommission anerkannte Mindestanforderung für Reithelme, die innerhalb der EU verkauft werden.
Wichtig: Ältere Fassungen von EN 1384 (etwa EN 1384:2012) werden von vielen Reitsportverbänden nicht mehr für den Turniereinsatz akzeptiert. Prüfe immer, ob dein Helm nach der Fassung :2023 zertifiziert ist.
ASTM F1163-23 – die nordamerikanische Norm
ASTM F1163 ist die amerikanische Norm für Reithelme, verwaltet vom Safety Equipment Institute (SEI). Die Fassung von 2023 (F1163-23) ist die aktuelle Ausgabe und in ihrer Strenge mit EN 1384:2023 vergleichbar.
Ein Helm, der nach beiden Normen zertifiziert ist, wurde von unabhängigen Laboren unter zwei getrennten Regelwerken geprüft – eine zusätzliche Ebene der Absicherung über EN 1384 hinaus.
Vergleich: Was prüfen die Normen?
| Prüfung | EN 1384:2023 | ASTM F1163-23 |
|---|---|---|
| Gerader Aufprall | Ja | Ja |
| Schräger Aufprall | Ja | Ja |
| Durchdringungsschutz (Spike) | Ja | Nein |
| Quetschtest | Nein | Nein |
| Festigkeit des Haltesystems | Ja | Ja |
| Unabhängiges Prüflabor | Ja | Ja (SEI) |
| Grundlage für Turniere in Deutschland | Ja | Ergänzung |
Was ist MIPS – und warum ist es eine andere Kategorie?
MIPS (Multi-directional Impact Protection System) ist keine Norm. Es ist eine Schutztechnologie, die in einen Helm eingebaut werden kann, der die Anforderungen von EN 1384 oder ASTM bereits erfüllt.
EN 1384 und ASTM prüfen, was bei geraden und schrägen Stürzen passiert. MIPS adressiert ein spezifisches Verletzungsszenario: Rotationskraft auf das Gehirn bei schrägen Aufprallen.
So funktioniert MIPS
Im Inneren eines MIPS-Helms sitzt eine dünne, reibungsarme Gleitschicht, die bei einem schrägen Aufprall 10 bis 15 mm Bewegung in mehrere Richtungen zulässt. Diese Schicht lenkt Rotationskraft um, bevor sie das Gehirn erreicht.
Ohne MIPS nimmt der Helm den linearen Aufprall auf, überträgt aber einen erheblichen Teil der Rotationskraft direkt auf den Schädel. Genau diese Rotationskraft wird mit Gehirnerschütterungen und schwereren Hirnverletzungen in Verbindung gebracht.
Die meisten Reitunfälle sind schräge Stürze, kein gerader senkrechter Aufprall. Rotationsverletzungen sind die häufigste Ursache schwerer Hirnverletzungen bei Reitunfällen. EN 1384:2023 und ASTM prüfen schräge Aufpralle, messen die Rotationskraft aber nicht gesondert. Mehr dazu in unserem Leitfaden zu Reithelmen mit MIPS.
Wie lange gilt eine Zertifizierung?
Die Zertifizierung gilt für die Konstruktion des Helms, nicht unbegrenzt für jedes einzelne Exemplar. Ein Reithelm sollte ersetzt werden:
- nach einem deutlichen Aufprall oder Sturz – auch wenn der Helm unbeschädigt aussieht
- 3 bis 5 Jahre nach dem Kaufdatum, je nach Lagerung
- früher, wenn der Helm starker Sonneneinstrahlung oder extremer Hitze ausgesetzt war
Die Materialien im Helm, insbesondere der EPS-Schaum, altern mit der Zeit und unter Temperatureinfluss. Ein Helm über seine Lebensdauer hinaus bietet nicht mehr das Schutzniveau, das seine Zertifizierung zugesichert hat.
Was gilt in Deutschland für Turniere?
Für Turniere gilt die jeweils aktuelle LPO der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Sie verlangt einen Reithelm nach gültiger Norm; maßgeblich ist heute EN 1384:2023. Prüfe die geltende Fassung vor der Nennung direkt bei der FN, da Regeln angepasst werden können.
Für das Training gibt es keine gesetzliche Vorgabe, die Empfehlung ist aber dieselbe: einen nach EN 1384:2023 zertifizierten Helm wählen und ihn bei jedem Ritt tragen.
Häufige Fragen zur Reithelm-Zertifizierung
Braucht ein Reithelm sowohl EN 1384 als auch ASTM, um sicher zu sein?
Nein. EN 1384:2023 genügt für den Einsatz in Deutschland und Europa. ASTM F1163-23 ist eine Ergänzung mit zusätzlicher Prüfabsicherung, hier aber keine Voraussetzung.
Ist ein MIPS-Helm immer sicherer als einer ohne?
MIPS adressiert Rotationskraft, die EN 1384 und ASTM nicht gesondert messen. Für Reiter, bei denen schräge Stürze der häufigste Unfalltyp sind, ist MIPS eine sinnvolle Ergänzung zum Grundschutz.
Was bedeutet VG1?
VG1 01.040:2014-12 war eine europäische Übergangsnorm und ist durch EN 1384:2023 abgelöst. Viele deutschsprachige Kaufratgeber führen VG1 noch als Pflichtkennzeichnung – das ist überholt. Maßgeblich ist EN 1384:2023.
Kann ich darauf vertrauen, dass jeder Helm mit EN-1384-Kennzeichnung wirklich geprüft wurde?
Ja, sofern die Kennzeichnung echt ist. Wähle Helme etablierter Marken, die benennen können, welches Prüflabor die Zertifizierung durchgeführt hat. Der YELM Hybrid Helmet 2.0 wurde von einem unabhängigen Labor nach EN 1384:2023 und ASTM F1163-23 geprüft und zugelassen.
Woran erkenne ich, ob mein vorhandener Helm noch zugelassen ist?
Sieh auf das Etikett im Helm. Steht dort EN 1384 ohne :2023 (etwa :2012), prüfe, ob er in deinem Einsatzbereich noch akzeptiert wird. Im Zweifel wende dich an deinen Verband.